Hybride (Techno-Science)

Mensch. Hybride. Anderes

Die Frage danach, ob es ein Mensch sei, beantwortet das textbasierte Dialogsystem (oder auch Chatbot genannt) Stella auf der Homepage der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg mit der Auskunft: „[…] Sie ahnen, dass ich nicht aus Fleisch und Blut bin. Also: ich bin zwar eine Frau – aber eine virtuelle. Ein Wesen, das nur hier auf der Website der Stabi existiert. Um Ihnen zu helfen, falls Sie hier eine Hilfe brauchen.“ (http://www.sub.uni-hamburg.de/home) Stella ist also weder ein menschliches Wesen, noch existiert sie außerhalb der Bibliotheksseite und dennoch beschreibt sie sich selbst in direkter Frage-Antwort-Manier als „Frau“ und noch dazu als überaus hilfsbereite. Als eine Art Hybrid (Zusammensetzung zweier Systeme), als verbindende Zwischenstufe zwischen Mensch und Technik könnte sie also beschrieben werden. Dieser Form der stattfindenden Verschiebung der Grenzen zwischen Mensch und Technik – sei sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln auch noch so gering – soll im Folgenden etwas näher beschrieben werden. In welchen Verhältnissen stehen das Konzept „Mensch“ und das vielfach auch als „das Andere“ Bezeichnete, wie Maschine und Tier, zueinander? Welche theoretischen Annahmen gibt es zur Aufhebung der Dichotomie (Zweiteilung) zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem, die auch im KRASS#2-Artikel Begehren gedruckt erwähnt wird?

Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts – im Zuge der immer weiter stattfindenden Automation oder Technisierung – beschäftigt sich die Wissenschaft intensiver mit den Grenzverschwimmungen zwischen Maschinen und Menschen. Mit den modernen experimentellen Naturwissenschaften und den Erkenntnissen zur mechanischen Physik, u.a. durch Galileo Galilei, verschob sich bereits seit der frühen Neuzeit das Verständnis von Natur und Technik. Daran knüpft im 16. Jahrhundert u.a. der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes an und entwirft die Vorstellung, dass der menschliche Körper ein mechanischer Apparat sei. Kein Jahrhundert später, 1748, spricht der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie in „Die Maschine Mensch“ (im Original „Ľhomme machine“) davon, dass der menschliche Körper eine Maschine mit „Triebfedern“ sei und verweist beispielsweise darauf, dass Reflexe wie ein Zurückziehen des Körpers bei Angst und Schrecken mechanisch vonstatten gingen (vgl. Becker 2009:XII). La Mettrie stellt heraus, dass „jene stolzen und eitlen Wesen, die sich mehr durch ihren Hochmut als durch die Bezeichnung Mensch auszeichnen, im Grunde – wie sehr sie sich auch erheben möchten – nur Tiere und aufrecht kriechende Maschinen“ (La Mettrie 1748:125, zitiert nach Becker 2009: XII f.) seien. Beide werden heute oft als Begründer der materialistischen Anthropologie (Lehre vom Menschen) angesehen, weil sie die bis dahin vorausgesetzte „menschliche Seele“ in eine materialistische (auf Materie basierende) Vorstellung überführten. So erläutert La Mettrie, dass es so etwas wie die Seele gar nicht gäbe, sondern diese auf den organischen Körper aufbaue. La Mettrie’s Ansätze werden insbesondere von der damaligen Wissenschaft, aber auch von der Kirche heftig kritisiert (Becker 2009: XI). Ungefähr zeitgleich zu La Mettrie’s Mechanisierung des Menschen wird auch die Natur als der Technik ähnlicher gedacht (z.B. vom deutschen Philosophen Christian Wolff, der Anfang des 18. Jahrhunderts die Welt als ein „zusammengesetztes Ding“, eine „Maschine“, beschreibt), und schließlich werden durch technische Weiterentwicklungen dann auch Maschinen umgekehrt dem Menschen ähnlicher gemacht, z.B. mit dem mechanischen Flötenspieler von Jacques de Vaucanson von 1737, oder dem „halbautomatischen“ Schachautomaten von Wolfgang von Kempelen, um 1970. (vgl. Christine Woesler de Panafieu 1984). Auch Kunst und vor allem die Literatur setzen sich insbesondere ab dem frühen 19. Jahrhundert immer mehr mit Automaten auseinander. Als Beispiel wäre die bekannt gewordene Puppe Olimpia aus E.T.A. Hoffmanns “Der Sandmann“ (1815) anzuführen, die als Symbolfigur für die Kritik an einem wie durch Räderwerk aufgezogenem, starrem, geistlosem Bürgertum steht. Bis heute hat sich mit der fortschreitenden Entwicklung technischer Möglichkeiten die Technisierung des Menschen bzw. die Humanisierung der Maschinen als Thema für Kunst und Wissenschaft erhalten. Auch in Franz Kafkas Tiererzählungen, die in KRASS#2 im Text „Zum letzten Mal Psychologie“ Erwähnung finden, kann ein Moment der Grenzverwischung ausgemacht werden. Während Roboter und Androide aus literarischen und filmischen Science Fiction-Werken kaum mehr wegzudenken sind, scheinen mittlerweile auch Cyborgs (also technisierte Formen von Lebewesen) in sozialen und kulturellen Sphären Alltag geworden zu sein. Ob nun als ferngesteuerter Master Chief in dem Computerspiel Halo oder als Person mit mechanischem Herzschrittmacher – die Grenzen von human und nicht-human scheinen kontinuierlich zu verschwimmen.

In den 1970er Jahren formiert sich in diesem Zusammenhang die sogenannte Technoscience (Technowissenschaft), eine Wissenschaft, die das Wissen auch als durch materialistische Netzwerke zugänglich gemacht – also industriell produziert – betrachtet. Dieser Wissenschaftszweig beleuchtet naturwissenschaftliche Praktiken aus einer kritischen Perspektive und hinterfragt traditionelle Grenzziehungen. Neben dem französischen Soziologen Bruno Latour und der amerikanischen Physikerin Karen Barad lässt sich unter anderem auch die Professorin für Frauenstudien (Women Studies) und Geschichte der Naturwissenschaft, Donna Haraway, zu den Grenzen aufbrechenden Technowissenschaftler_inne_n zählen. 1985 kritisiert sie in ihrem Essay „A Cyborg Manifesto” nicht nur die Mensch/Tier und Mensch/Maschine-Dualismen, sondern prangert gleichzeitig auch die Zweigeschlechtlichkeit an und äußert die Hoffnung auf eine „Post-Gender-Welt“. (vgl. Haraway 1995: 67) Etwa zeitgleich mit der Philosophin Judith Butler treibt Haraway durch die Aufhebung der Grenzen, vor allem zwischen Kultur (traditionell eher „männlich“ assoziiert) und Natur (traditionell eher „weiblichen“ Charakteristika zugeordnet) die sex-gender-Debatte (siehe Glossar KRASS #1) voran. Ihre Analysen greifen zurück auf das Modell der Aktor-Netzwerktheorie (ANT) von Bruno Latour (die auch im KRASS#2-Beitrag Begehren gedruckt eine Rolle spielt) und erweitern diese um die Figur der Cyborgs – „kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion.“ (Haraway, 1995). Die Aktor-Netzwerktheorie Latours beschreibt „eine Welt der hybriden Mischwesen […] welche weder ganz zur Natur noch ganz zur Kultur gehören und in immer größerem Maßstab hergestellt werden“ (Becker-Schmidt/Knapp 2000: 95). In Haraways Verständnis findet Natur innerhalb von Kultur statt, wird innerhalb der Kultur überhaupt erst als Unterscheidung eröffnet. Im Verhältnis von Mensch und Maschine sei nach Haraway unentscheidbar, wer oder was herstellt bzw. hergestellt wird. (vgl. Nessel 2011: 53) Im Zuge der technischen Revolutionen und Entwicklungen in den Wissenschaften habe ein Auflösen der Grenzen zwischen Mensch/Tier/Maschine und gleichzeitig eine „machtvolle Verschmelzung“ (ebd: 5) zwischen Physischem und Nicht-Physischem stattgefunden. In diesen Grenzbrüchen erkennt Haraway die Chancen für eine „Entwicklung neuer Formen der Ausgestaltung sozialer Verhältnisse, die Hierarchie und Identitätszwänge unterminieren [untergraben]“. (Becker-Schmidt/Knapp 2000: 95f.) Ihr Verständnis von Wissenschaft selbst basiert auf der Annahme, dass auch diese mit fiktionalen, also mit unwirklichen Annahmen gespickt sei, als Beispiel nennt sie die „profanen Fiktionen ‚Mann’ und ‚Frau’“(Haraway 1995: 15)

Einen weiteren Aspekt zur Darstellung von Geschlecht in Bezug auf die Technisierung bringt Sylvia Pritsch in der Halbjahreszeitschrift „Frauen Kunst Wissenschaft“ (Heft 35) an. Sie beschreibt, wie beispielsweise bei dem oben genannten Chatbot Stella, das sich deutlich als „Frau“ präsentiert, das Geschlecht ziemlich nah entlang sozial bestimmter Konventionen für menschliche Wesen konstruiert wird. Anhand der Analyse diverser digital erzeugter Charaktere, wie dem ideellen Popstar Kyoko Date oder Lara Croft, urteilt Pritsch, dass auch in der Schaffung digitaler Frauengestalten Fetische zum Ausdruck kommen, nämlich Fetische, die auf Verleugnung basieren würden und Differenzen und die Parallelität zweier grundverschiedener Annahmen ausblendeten: Einerseits „sind die digitalen Gestalten wie selbstverständlich keine Menschen, sondern Spielfiguren, technische Konstrukte, anderseits scheinen sie die Übergänge zwischen bildlichen und nicht-bildlichen Wirklichkeiten in Fluss zu versetzen, so dass das Bild doch als Abbild erscheint, der Datenkörper als weiblicher Körper oder der mediale Auftritt von digitalen Stars wie Lara Croft oder Kyoko Date eben als einer leibhaftigen Schauspielerin, die gerne Fanpost erhält.“ (Pritsch 2003: 32) Bei dieser Darstellung bezieht Pritsch sich auf den psychoanalytischen Fetischgedanken Sigmund Freuds. Seinen Annahmen zufolge könne nur eine Verleugnung solcher Art ein Nebeneinander „wunschgerechter“ und „realitätsgerechter Einstellung[en]“ (Freud 2000 [1927]: 387 zitiert nach Pritsch 2003: 32) möglich machen.

Die Bewegung der Auflösung und Verschiebung von Grenzen zwischen Mensch, Tier, Anderem und Maschine lassen sich auch in den „Konzepten“ des organlosen Körpers, der Wunschmaschine und des Tier-, Partikel-, Frau-Werdens von Gilles Deleuze und Félix Guattari in diesem Glossar finden. Aber auch der Kritische Theoretiker Theodor W. Adorno spricht von einer Verdinglichung des Bewusstseins und einem Verschwinden der Menschen als Individuen.

Als Einführung in die historische Entwicklung des Mensch/Anderes-Verhältnisses und dabei insbesondere mit dem Fokus auf feministische Anknüpfungspunkte empfehlen wir Christine Woesler de Panafieu (1984): Das Konzept von Weiblichkeit als Natur- und Maschinenkörper. Zur Theorie von Donna Haraway scheint Becker-Schmidt/Knapp (2000): Feministische Theorien zur Einführung, S. 93 – 102 empfehlenswert.
 
Becker, Claudia (2009): Einleitung zu L‘homme machine / Die Maschine Mensch (Übersetzung des Originals von Julien Offray de   La Mettrie, 1748), HamburgHoffmann, E.T.A. (1817): Der Sandmann, [online: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3093/1, letzter Zugriff: 24.2. 2012]
Haraway, Donna (1995)[1985]: Ein Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Wissenschaften, aus dem Amerikanischen
von Carmen Hammer, Immanuel Stieß et al., Frankfurt a.M.
Nessel, Sabine (2011): Das Andere denken, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, 1/2011, Bochum
Pritsch, Sylvia (2003): Virtual Beauties und die Verheißung grenzüberschreitender Lebendigkeit, in: „Frauen Kunst
Wissenschaft“, 35, Marburg.

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