Migration / Kritische Migrationsforschung

Kritische Migrationsforschung ist nicht als abgrenzbare wissenschaftliche Disziplin, sondern eher als eine kritische Haltung im Feld ›der‹ Migrationsforschung zu beschreiben, mit der einige Interventionen in den wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs um (transnationale) Migration einhergehen, die vielleicht als gemeinsamer Ausgangspunkt verortet werden können. Erst in den letzten 25 Jahren kann überhaupt von einer ›eigenständigen‹ Migrationsforschung gesprochen werden, wobei sie nach wie vor sehr interdisziplinär organisiert ist – Politische Wissenschaften, (Migrations-)Soziologie, (Interkulturelle) Pädagogik, Ethnologie, Geschichte, Geografie, Soziale Arbeit usw. Ebenso sind konzeptuelle Verweise zu Ansätzen Postkolonialer Theorien (siehe KRASS-Glossar#1), Fragen der Repräsentation sowie ›der‹Rassismusforschunghier zu finden. Auch wenn sich in jüngster Zeit innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften Professuren und Institutionen im Feld der Migrationsforschung etabliert haben, arbeitet ›die‹ Kritische Migrationsforschung eher in transnationalen mehr oder weniger selbstorganisierten Netzwerken (siehe beispielsweise das Netzwerk kritische Migrations- und Grenzregimeforschung; kritnet.org), die sich durch ein solidarisches Verhältnis zu den Kämpfen der Migration auszeichnen.
Historisch betrachtet ist Migration schon immer dagewesen (siehe dazu auch den Artikel von Ute Sonnleitner in KRASS#3) und war bis zur Entwicklung der Nationalstaaten eher ›die Normalität‹ im Gegensatz zur heute normierten Sesshaftigkeit – wobei eine solche dichotome Gegenüberstellung von Migration und Sesshaftigkeit die Komplexität von Migrationsbewegungen nicht zu fassen vermag (vgl. Bojadžijev/Karakayali 2007: 208;Mecheril et al. 2013: 8). Heute steht Frontex (Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen) als Stellvertreter für den politischen Versuch des euphemistisch anmutenden europäischen ›Migrationsmanagements‹ als Antwort auf die globale Ungleichverteilung von Ressourcen und (Über-)Lebenschancen (vgl. Georgi/Wagner 2012: 306). (Transnationale, illegalisierte) Migration soll gestoppt oder kontrolliert werden und unter dieser Prämisse sind weltweit restriktive Politiken der Grenzkontrolle entstanden. In diesen Technologien, Praktiken und Diskursen der Sicherheit wird Migration als ›Objekt‹ stets als Problem dargestellt, beispielsweise für den (Sozial-)Staat, was nicht weiter analysiert, sondern angenommen wird (vgl. Benz 2014).
Die Kritik der Kritischen Migrationsforschung zielt auf die Grundannahmen und Erklärungsmodelle der ›klassischen‹ Migrationsforschung wie beispielsweise die noch immer etablierte Theorie der Push- und Pullfaktoren. Diese geht davon aus, dass es spezifische Faktoren wie Krieg, Arbeitslosigkeit, Armut, politische, vergeschlechtlichte oder religiöse Verfolgung, Naturkatastrophen … gibt, die Menschen dazu bringen, ein Land zu verlassen (›to push‹: ›(weg-)drücken‹) und die von Faktoren wie Frieden, Arbeitsplätze, Wohlstand, Sicherheit in anderen Ländern ›angezogen‹ werden (›to pull‹: ›(an-)ziehen‹). Diese häufig rein ökonomisch argumentierenden Ansätze greifen viel zu kurz und nehmen Migrationen nur partiell in den Blick. Vor allem eröffnet sich hier auch die Frage, wo bleibt eigentlich das Subjekt? Gekoppelt ist diese Perspektive mit einem Assimilations- und Integrationsdiskurs, der von einer Gesellschaft oder Nation als geschlossenem Container ausgeht und diese zugleich naturalisiert (dies wird als Methodologischer Nationalismus bezeichnet; Nationalstaatlichkeit wird unhinterfragt angenommen und mit ihr die sie tragenden Konzepte wie Staatsbürgerschaft, Familie, Kultur usw.). Über Differenzierung und Ausschlüsse werden kontinuierlich die ›Anderen‹ produziert und marginalisiert, die, die von der ›Norm‹ (Sesshaftigkeit) ›abweichen‹ (Migration). Auch die Wortkonstruktion ›Menschen mit Migrationshintergrund‹ fügt sich in diesen Kontext ein; María do Mar Castro Varela verortet sie in diesem Sinne als eine Konzeptmetapher, die »die Reinheit der Nation, des eigentlichen Volkes sichert und eine Exklusion im Namen der Nation immer möglich macht – immer androht« (Castro Varela 2013: 73). Dabei erfolgt eine Einteilung in ›gute‹ und ›schlechte‹ Mobilität – schließlich sollen wir alle bereit sein, jederzeit überall unsere Arbeitskraft verkaufen zu können (wobei auch hier die Herkunft entscheidet) oder der Tourismus soll angekurbelt werden. In der Folge werden ›gute‹ und ›schlechte‹ Migrant_innen unterschieden oder die aktuell sehr vitale Differenzierung von Asylsuchenden in Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge vorgenommen. Diese Differenzierungen gehen mit einer hierarchisierenden Logik einher, die bei aller Symbolträchtigkeit der Prozeduren und Diskurse sehr materielle Auswirkungen hat, die hunderttausend Menschen an Grenzzäunen und im Mittelmeer das Leben kostet. In diesem Zusammenhang setzen ›klassische‹ Ansätze der Migrationsforschung ihren Analyserahmen unhinterfragt voraus und arbeiten mit Konstruktionen wie ›Staat‹, ›Nation‹, ›Volk‹,›Grenzen‹,›Staatsangehörigkeit‹,›illegaler Migration‹, ohne sie genauer zu definieren. Somit werden sie als objektive Kategorien verwendet, ohne diese selbst als Gegenstand der Untersuchung in die Macht- und Herrschaftsverhältnisse mit einzubeziehen – als Rahmen, in genau dem diese Konstrukte überhaupt ersthergestellt werden. Auch ihre eigene Verstrickung als Wissenschaftler_innen in diese gewaltvollen Verhältnisse der staatlichen Migrationskontrolle, in dem sie empirische ›Fakten‹ und theoretische Erklärungsansätze schaffen, wird seitens (angewandter) Migrationsforschung sehr selten reflektiert (vgl. Georgi/Wagner 2012: 306). Kritische Migrationsforschung versucht dagegen, genau diese Involviertheit in den Migrationsdiskurs zu reflektieren, indem die Kritiker_innenhegemoniale Konzepte und Differenzierungen dekonstruieren und ihre eigene Verortung in Diskurs und Repräsentation ständig reflektieren: »Erst so können aus Kategorien Subjekte werden, aus Migrant_innen frei flutende Menschen.«(vgl. ebd.: 9).
Mit einer Definition von Migration als Wanderung(sbewegungen) ist noch nicht viel charakterisiert, in einem kritischen Zugang zu Migrationsforschung geht es um die Fragen: Wer hat welche Rechte? Wer hat zu welchen Ressourcen und Chancen Zugang? Wer kann sich wie wohin bewegen? – und dies wird stetig und immer neu in Macht- und Herrschaftsverhältnissen ausgehandelt. Kritische Migrationsforschung nimmt die konkreten Materialisierungen von Migrationen in den Blick; das heißt, »die Idee aufzugeben, man könne Migration als abhängige Variable – zum Beispiel von Armut, Produktionsweisen oder Schleppern – definieren und die konkreten, sozialen und politischen Projekte, die die Menschen in und mit ihren Migrationen verfolgen, ausblenden.« (Bojadžijev/Karakayali 2007: 208) Die (Re-)Produktion der Migration als ›Objekt‹ der Kontrolle und des Regierens wird hinterfragt und vor allem auch um Fragen der Handlungsmacht von Subjekten und der Bewegung der Migration als Kollektiv erweitert.
Martina Benz (2014) macht innerhalb der Kritischen Migrationsforschung v.a. zwei Strömungen aus, wobei die theoretischen Einflüsse in den verschiedenen Ansätzen nicht zu trennen sind: Ansätze marxistischer Tradition beziehen sich beispielsweise auf die Arbeiten Étienne Balibars. Dieser hatNicos Poulantzas materialistische Staatstheorie um symbolische Verhältnisse wie Rassismus und Sexismus erweitert und schlägt eine transnationale Bürgerschaft vor, die mit einer Demokratisierung der Grenzen einhergehen müsse (vgl. Balibar 2003: 205). In Abgrenzung zur limitierten Nationalstaatsbürgerschaft soll dies einen kollektiven Zugang ermöglichen, der sich dynamisch erweitert (ebd. 280ff.).
Eine weitere Strömung kann in der Autonomie der Migration verortet werden. Das aus der italienischen und französischen Linken stammende Konzept hat seine Bezüge aus dem Operaismus (Italienisch ›operaio‹: ›Arbeiter‹; Operaismus bedeutet so viel wie Arbeiterismus), einer neomarxistischen sozialen (Arbeiter_innen-)Bewegung im Italien der 1960er und 70er Jahre, die sich in Abgrenzung zu traditionellen Gewerkschaften und Parteien organisiert hat. These des Operaismusist die sich stetig wandelnde Neuorganisation des Proletariats(vgl. Benz/Schwenken 2005: 368). Hier ist auch die Verbindung zur Übertragung auf Migrationsbewegungen zu verorten, die meist Yann Moulier Boutang zugerechnet wird. Im Kontext des Forschungsprojektes Transit Migration sind 10 im Werden begriffene Thesen zur Autonomie der Migration herausgearbeitet worden (vgl. Transit Migration Forschungsgruppe 2007), die diese »Methode« (Bojadžijev/Karakayali 2007: 203) ausdifferenzieren.
Statt einer Staatszentriertheit und Objektivierung werden bei dieser Konzeptualisierung die Bewegungen und Praktiken der Migrant_innenneben die staatliche (Ohn-)Macht gesetzt – als politische Praxis, die Grenzen überwindet und Nationalstaaten herausfordert. Dabei wird das Wechselverhältnis von Autonomie und Kontrolle von Migration in den Fokus gerückt. Es geht nicht um reine Abschottung, sondern vielmehr um »ein komplexes System der Limitierung, Differenzierung, Hierarchisierung und partiellen Inklusion von Migrantengruppen« (ebd.: 204).Die Grenzen werden nicht als reine Hindernisse verstanden, weil sie eben tagtäglich überschritten werden und die Migrationsbewegungen werden als niemals steuer- oder integrierbar charakterisiert (vgl. ebd. 204f.). Entgegen dem Containermodell des Nationalstaates wird herausgestellt, welche Einflüsse die historischen Konjunkturen der Migration auf die Institutionen, Kulturen, Sprachen usw. des Konstrukts Nation haben und wie sie diese zur Reorganisation herausfordern (ebd.: 208): »Von der Bewegung der Migration und ihrer Autonomie zu sprechen, bedeutet demnach nicht, sie als von den gesellschaftlichen Verhältnissen getrennt oder gar enthoben zu denken.« (ebd.) Autonomie meint hier nicht subjektive Unabhängigkeit, vielmehr ist Migration konkret in die Macht- und Herrschaftsverhältnisse eingebettet. »Dies bedeutet nicht, dass die MigrantInnen dazu verdammt sind, diese Verhältnisse auf die immer gleiche Weise zu reproduzieren.« (ebd.) Autonomie entsteht genau in diesen gesellschaftlichen Konflikten und Auseinandersetzungen, in deren Folge sich neue Formen der Organisation und Kooperation eröffnen (siehe dazu den Artikel von María do Mar Castro Varela in KRASS#3). Entgegen der Viktimisierung und Kriminalisierung wird versucht die Subjektivierung der Migration herauszustellen. Genau darin wird auch ein Potenzial des Politischen und der Widerständigkeit verortet, wobei einer Romantisierung der Praktiken als pure Subversion entgangen werden und sie als »Ressourcen der Formierung einer migrantischen Subjektivität« (Bojadžijev/Karakayali 2007: 207) in den Blick genommen werden sollen.
Neben vielen Kritiken, die in diesem Ansatz eine postmoderne Beliebigkeit und ein Feiern von Subversion verorten, die die materiellen Verhältnisse – dass Menschen sterben – zu sehr vernachlässigen, gibt es auch feministische Kritiken am Konzept der Autonomie der Migration. Mit der Gegenüberstellung von Staat und Migrant_innen als doch irgendwie autonom handelnden Subjekten (auch wenn der Ansatz einem solchen Subjektverständnis versucht zu entkommen) sowie dem Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit, gehe die Ausblendung von Reproduktionsarbeit, Sexismus und Patriarchat einher (vgl. Benz/Schwenken 2005: 370). Unter dem Stichwort Feminisierung der Migration gibt es mittlerweile einige Forschungsarbeiten zum Zusammenhang von Care, Gender und Migration (z.B. die Arbeiten von Encarnación Gutiérrez Rodríguez). Mit der Domestic Workers Convention (2011)der ILO (International Labour Organization) haben Aktivistinnen einen Erfolg erkämpft. Generell bleibt die Solidarität der Gewerkschaften was migrantisierte Arbeiter_innen angeht, eine aktuelle Forderung.
Nach und nach setzen sich auch im deutschsprachigen Raum trans- oder postnationale Konzepte innerhalb der Migrationsforschung durch und eröffnen neue Perspektiven. Dabei ist es wichtig, Migrationsforschung mit Konzepten und Kategorien wie Gender, Alter, Dis/Ability, Interdependenz, Postkolonialer Kritik, Antirassismus, Critical Whiteness, Kapitalismuskritik… und Fragen der Repräsentation und Citizenship zu verknüpfen(vgl. movements 2015). Kritische Migrationsforschung muss sich stets selbstreflexiv und mit den dynamischen Veränderungen der Migrationsbewegungen und -politiken weiterentwickeln. Ein solidarisches Verhältnis zu den Kämpfen der Migrant_innen sollte trotz oder gerade wegen der vermeintlichen Neutralität der Wissenschaft das Ziel sein. Dabei erscheint eine wechselseitige Verwobenheit von Theorie und Praxis notwendig, so, wie sie vielleicht auch in Projekten wie der Silent University (http://thesilentuniversity.org/) zu finden sind. Hier geht es auch nicht ›nur‹ um ein Recht auf Mobilität, sondern auch um ein Recht zu bleiben: All Migrants Welcome – Here to stay!

Texte zur Einführung in (Kritische) Migrationsforschung sind in den Sammelbänden Migrationsforschung als Kritik? Konturen einer Forschungsperspektive(Mecheril et al. 2013) und Schlüsselwerke der Migrationsforschung: Pionierstudien und Referenztheorien (Reuter/Mecheril 2015) zu finden.
Von dem diesjährig neu gegründeten Onlinemagazin movements Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung (http://movements-journal.org/)aus dem Kritnet-Umfeld sind sicher auch aktuelle und kritische Ansätze zu erwarten.

 

Literatur:

Balibar, Étienne (2003): Sind wir Bürger Europas? Politische Integration, soziale Ausgrenzung und die Zukunft des Nationalen, Hamburg.

Benz, Martina (2014): Vortrag unter dem Titel Von der Kritik der Migrationsforschung zur kritischen Migrationsforschung [online: http://fsiosi.blogsport.de/2014/05/27/martina-benz-kritische-migrationsforschung/, letzter Zugriff: 05.08.2015].

Benz, Martina/Schwenken, Helen (2005): »Jenseits von Autonomie und Kontrolle: Migration als eigensinnige Praxis«, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 35 (3), S. 363-377.

Bojadžijev, Manuela/Karakayali, Serhat (2007): »Autonomie der Migration. 10 Thesen zu einer Methode«, in: Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas, herausgegeben von Transit Migration Forschungsgruppe, Bielefeld, S. 203-209.
Boudry, Pauline/Kuster, Brigitta/Lorenz, Renate (Hrsg.) (1999): Reproduktionskonten fälschen. Heterosexualität, Arbeit und Zuhause, Berlin.

Castro Varela, María do Mar (2013): »›Parallelgesellschaften‹ und ›Nationalmannschaften‹ – Überlegungen zur Kritik in der Kritischen Migrationsforschung«, in: Migrationsforschung als Kritik? Konturen einer Forschungsperspektive, herausgegeben von Paul Mecheril, Oscar Thomas-Olalde, Claus Melter, Susanne Arens und Elisabeth Romaner, Wiesbaden, S. 55-77.

Mecheril, Paul/Thomas-Olalde, Oscar/Melter, Claus/Arens, Susanne/Romaner, Elisabeth (2013): »Migrationsforschung als Kritik? Erkundung eines epistemischen Anliegens in 57 Schritten«, in: Migration als Kritik? Spielräume kritischer Migrationsforschung, herausgegeben von dies., Wiesbaden, S. 7-55.

movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung (2015): Editorial [online: http://movements-journal.org/issues/01.grenzregime/01.editorial.html, letzter Zugriff: 07.08.2015].

Transit Migration Forschungsgruppe (Hrsg.) (2007): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas, Bielefeld.

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