Performativität

Den Begriff Performativität übernimmt die amerikanische Philosophin Judith Butler aus der Sprechakttheorie John L. Austins. Nach Austin (Zur Theorie der Sprechakte; 1972) sind performative Äußerungen illokutionäre Akte, d.h. Sprechakte, mit denen zugleich eine bestimmte Handlung vollzogen wird (von to perform = etwas ausführen, vollziehen). Beispiele für performative Äußerungen sind „Ich entschuldige mich“, „Hiermit taufe ich dich auf den Namen …“ oder „Ich verspreche dir…“, wobei jeweils die Handlung der Entschuldigung, des Taufens oder eines Versprechens vollzogen wird. Bei Austin beziehen diese Äußerungen ihre Kraft, eine Handlung zu vollziehen, daraus, dass sie sich auf bestehende Konventionen beziehen. Über die bloße Bezeichnung von Dingen hinaus erzeugen performative Sprechakte materielle Wirkungen, das heißt, sie stellen etwas in dem Moment her, in dem sie es bezeichnen.

In Gender Trouble (dt.: Das Unbehagen der Geschlechter; 1991) entwickelt Butler den Begriff des Performativen in Bezug auf sex und gender weiter. Butler geht davon aus, dass Identitätskategorien wie „die Frau“ keine neutralen Beschreibungen oder gar natürliche Kategorien sind. Sie sind als normative soziale Setzungen zu verstehen, da sie das beschreiben, was sie zugleich hervorbringen. Diese performative Herstellung von Geschlecht beginnt schon mit dem Ausruf bzw. der Anrufung der Hebamme bei der Geburt „Es ist ein Mädchen“. Durch diese „Anrufung“ (diesen Begriff entlehnt Butler Louis Althusser) wird das Geschlecht in dem Moment erst hergestellt. Eine ständig wiederholte Anrufung als Mädchen oder Frau verfestigt diese Identität dann
ständig aufs Neue. „In welchem Sinne ist die Geschlechtsidentität ein Akt? Ähnlich wie auch andere rituelle gesellschaftliche Inszenierungen erfordert auch das Drama der Geschlechtsidentität eine wiederholte Darbietung. […] Wir dürfen die Geschlechtsidentität nicht als feste Identität oder den locus [Ort] der Tätigkeit konstituieren, aus dem die verschiedenen Akte hervorgehen. Vielmehr ist sie eine Identität, die durch die stilisierte Wiederholung der Akte in der Zeit konstituiert bzw. im Außenraum instituiert wird.“ (Butler 1991:206; Hervorh.i.O.) Demnach gibt es keine natürliche Verbindung zwischen dem Lautbild (Signifikanten) „Frau“ und der damit verbundenen Vorstellung (Signifikat) „Frau“.

Bedeutungen sind unendlichen kulturellen Veränderungs- und Verschiebungsprozessen unterworfen, die je nach historischem Kontext verschiedene Bedeutungen hatten und haben werden. Diese Bedeutungen konstituieren sich innerhalb der Sprache (siehe Poststrukturalismus). Dies nennt Butler die Performativität von Geschlecht. Sie geht davon aus, dass diskursive Prozesse (siehe Diskurs) Geschlecht überhaupt erst hervorbringen und materialisieren (Materialisierung bedeutet bei Butler die historisch spezifische Erscheinungsweise von Geschlecht). Ein System der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit wird permanent erzeugt und dadurch gleichzeitig festgeschrieben und materialisiert. Diese Hervorbringung von Identitäten innerhalb einer heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit geht mit den Prozessen des Verwerfens abweichender Identitäten einher. Diese verworfenen Identitäten werden zum nicht-intelligiblen (nicht durch Vernunft verstehbaren) Anderen, zum konstitutiven Außen. Das konstitutive Außen begrenzt das „Lebbare“ und schafft einen Raum der Verwerfung, es wird also das verworfen, was in der hegemonialen Vorstellung als nicht „lebbar“ erscheint. Dieses konstitutive Außen kann erst das Innen schaffen, durch die Abgrenzung und in Differenzsetzen zum Außen. In der Abgrenzung zum Anderen liegt die Möglichkeit zur eigenen zusammenhängenden Identität und Normalität.

Homosexualität wird in diesem Verständnis z.B. das Andere der Heterosexualität und zur Abgrenzung dieser zur Vergewisserung der Heterosexualität und deren Normalität und Natürlichkeit. Butler diskutiert in Gender Trouble darüber hinaus subversive Strategien in Form von Fehlaneignungen und Parodien, da sie in der ständigen Wiederholung die Möglichkeit sieht, Brüche mit dem Kontext zu schaffen, da sich Wiederholungen nie ganz genau wiederholen können (siehe Poststrukturalismus). Gerade der Bruch mit dem Kontext (die Idee des Bruchs mit dem Kontext übernimmt sie von Jacques Derrida) sei entscheidend für eine politische Strategie der performativen Äußerungen.
„Ich möchte sogar behaupten, dass gerade darin, dass der herrschende autorisierte Diskurs enteignet werden kann, eine Möglichkeit seiner subversiven Resignifikation liegt.“ (Butler 2006:246; Hervorh.i.O.)

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter.
Butler, Judith (2006): Haß spricht. Zur Politik des Performativen.

Als erster Einstieg ist die Butler-Einführung von Hannelore Bublitz (2002) gut zugänglich.

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2 responses to “Performativität

  1. Die Theorien von Austin und Butler sind in diesem Text stark vereinfacht und dadurch auch teilweise verfälscht dargstellt. Austin bezeichnet beispielsweise jeden Sprechakt als performativ, sei er lokutionär, illokutionär oder perlokutionär. Auch die Quellenangaben im obigen Text lassen zu wünschen übrig. Zur Lektüre empfehle ich E.Fischer -Lichte, auch wenn dort ebenfalls Mängel in der Genauigkeit des Beschriebenen liegen. Am besten gleich bei den Philosopphen selbst nachlesen, da hat man wenigstens was von seiner LeseZeit…

  2. Ich bin kein Buttler-Spezialist, wohl aber ein Kenner des Werks von Austin. Was in dem Text zu Austin steht, ist in entscheidenden Stellen nicht zutreffenden. „Über die bloße Bezeichnung von Dingen hinaus erzeugen performative Sprechakte materielle Wirkungen, das heißt, sie stellen etwas in dem Moment her, in dem sie es bezeichnen.“ Der Ausdruck „materielle Wirkung“ gehört nicht zum Vokabular der Sprechakttheorie von Austin (und auch nicht von Searle). Mit manchen Sprechakten werden perlokutionäre Akte vollzogen. Diese Wirkungen können kognitiver, emotionaler oder praktischer Art sein. Ich kann den illokutionären Akt des Drohens machen und damit den perlokutionären Akt des Einschüchterns vollziehen. Mit „bezeichnen“ hat das alles gar nichts zu tun. Bezeichnen gehört nach Austin zum rhetischen Akt. Im rhetischen Akt (= Teil des lokutionären Akts) werden die Sprachmittel des phonetischen und phatischen Akts mit „Sinn“ und „Bedeutung“ (in der Redeweise Freges), also mit Bezug zu Dingen gebraucht. Die Vorstellung, dass der lokutionäre Akt oder einer seiner Teilakte in irgendeiner Weise die Dinge oder Bezüge herstellen, die sie bezeichnen, ist der Sprechakttheorie fremd. Hier wird etwas, das nur dem perlokutionären Akt zukommt, dem lokutionären Akt angedichtet.

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