Postkoloniale Theorien /Kritik – Postcolonial Studies

Postkoloniale Theorien oder Postcolonial Studies werden oft als Fachrichtung der Cultural Studies (siehe Cultural Studies) verortet.
Postkoloniale Theorie kommt ursprünglich aus der Literaturwissenschaft, nahm aber später Einfluss auf die verschiedensten Disziplinen wie Soziologie, Ethnologie, Politische Wissenschaft usw. Als „Gründungsmanifeste“ können die Schriften von Frantz Fanon oder Edward Said’s Orientalism gelten.
Als die drei klassischen Vertreter_innen der Postkolonialen Kritik (häufig auch als »holy trinity« bezeichnet) werden meistens Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak und Homi Bhabha genannt.
Die Entstehung der Postcolonial Studies ist mit dem Entkolonialisierungsprozess in den 1940/50/60ern sowie der Entstehung der Cultural Studies verbunden, sie sind zwischen literaturwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Ansätzen einzuordnen.
Die Postkoloniale Theorie ist keine einheitliche Disziplin, sondern besteht aus kontroversen Debatten und konkurrierenden Ansätzen. Gemeinsam ist diesen jedoch ein anti-essentialistisches Anliegen, also die Ansicht, dass es keine natürlichen und einheitlichen Kategorien von Kultur, Identität usw. geben kann.

Das Präfix »post« in postkolonial markiert einerseits das zeitliche »nach« der offiziellen Dekolonisierung und weist andererseits darüber hinaus, indem es auf das veränderte Fortwirken von Machtverhältnissen und kolonialen Diskursen (siehe Diskurs) verweist oder einen Zusammenhang zur heutigen Globalisierung herstellt. »Post« hat also zwei Bedeutungsebenen: Einerseits eine historische Abfolge von Kolonialismus und nachkolonialen Gesellschaftszuständen, andererseits ein komplexes theoretisches Gebilde aus Marxismus, Poststrukturalismus und Feminismus. Jedoch bleibt der Begriff „postkolonial“ trotz aller Versuche der Klärung unscharf und wird weiterdiskutiert. Allgemein ausgedrückt könnte gesagt werden, dass sich die Postcolonial Studies mit der Geschichte des Kolonialismus und dessen gegenwärtigem Fortwirken beschäftigen. Postkoloniale Theorien stehen weiterhin für die Dekonstruktion von Essentialismen (wesenshafte oder natürliche Sachen) und der binären Opposition des kolonialen Diskurses (also „der Westen“ und „der Rest“), seiner Geschichte und seinen Wissensformen – und richtet sich (wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß) auf die Betonung von Differenz.

Es geht darum die totalisierenden und eurozentristischen Diskurse des »Westens« zu entlarven und zu dekonstruieren. Es geht also um die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus auf der symbolischen und diskursiven Ebene, neben den offenkundigen materiellen Seiten kolonialer Herrschaft wird die gewaltvolle Macht der Repräsentation untersucht.

Eine sehr gelungene und verständliche Einführung in das Thema und zur »holy trinity«: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung von María do Mar. Castro Varela und Nikita Dhawan (2005).

zurück zum Glossar

One response to “Postkoloniale Theorien /Kritik – Postcolonial Studies

  1. Gut verständlich geschriebener Text. Dennoch möchte ich mit besonderer Deutlichkeit darauf hinweisen, dass eine Betonung und besondere Fokussierung auf die „holy trinity“ der Postkolonialen Theorien/Kritik entgegen dem eigentlichen Willen einer solcher Disziplin steht.

    Postkoloniale Theorien zeichnen sich eben dadruch aus, dass sie entlang der „big names“ im westlichen Diskurs gerade über diese Kononisierung hinaus geht und offen legt, dass Literatur, Wissenscahft und Wissen selbst provinziell sind (bspw. Chakrabarty).

    Diesen Hinweis würde ich mir in einem solchen Text wünschen, weil er sehr schnell Einsteiger*innen in das Feld suggeriert, postkoloniale Theorien sind vorherrschend durch die großen Vertrer*innen zu verstehen.

    Mit vielen Grüßen und mit Lob ans Engagement,

    Simon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.